Text aus: www.priestergeschichten.de (alte Website!)

Christoph Jacobs

Professor am Priesterseminar, Paderborn

„Priester bin ich geworden, weil dieser Beruf das höhere Lebensrisiko hat“, sagt Christoph und findet das ganz in Ordnung, denn „ich bin weder auf Sicherheit noch auf Langeweile aus“. Deshalb ist er auch nicht Arzt geworden, obwohl er den Studienplatz Medizin schon in der Tasche hatte, worauf er heute noch stolz ist.
„Doch Priester zu sein ist ein Lebensprozess und dadurch viel interessanter als ein bürgerlicher Beruf.“ Für ihn ist „Risiko“ ein positiver Begriff: „Der Priester kann kreativ sein, und er kämpft berufsmäßig gegen die Resignation. Ich bin herausgefordert, mich selbst zu entwickeln und mich einzusetzen.“ Hier liegt für ihn der Schlüssel zum Glücklichwerden: „Nicht stehen bleiben. Stehendes Wasser wird schnell schal.“
Christophs Eltern kamen aus der konkreten sozialen Arbeit mit Menschen: als Sozialarbeiter. Der Vater war Professor für Erziehungswissenschaften, die Mutter Diplom-Psychologin. Sein jüngerer Bruder wurde Priester und Pädagoge, die Schwester ist Psychiaterin. Auch daraus erklärt sich Christophs Liebe zur Psychologie und dass er insgesamt elf Jahre studiert hat, erst Theologie, dann Psychologie. Jetzt gehört er der seltenen Spezies der Pastoralpsychologen an. Seine Doktorarbeit schrieb er über die „Salutogenese“: „Wie entstehen Heilung und Heil?“
Er will die Psychologie theologisch fundieren. Leicht ist das nicht, denn „immer noch hat die Psychologie in der Kirche einen schlechten Ruf“. Was Christoph bedauert, denn er hat durch die Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen der Psychologie noch einmal neu oder anders gelernt, was Priestersein bedeutet: „Theologie braucht man, um das Evangelium anderen zu verkünden. Psychologie braucht man, um das Evangelium lebendig werden zu lassen: bei sich selbst und bei anderen. Es geht darum, die Wirklichkeit Gottes im Lebensprozess ganzheitlich zu verstehen und zu leben.“
Drei Jahre war Christoph Vikar, und das hat ihm „ausgesprochen gut gefallen.“ Er hat gelernt, für „normale Leute“ zu predigen, einfach dazu zu gehören zu ihnen und dass es ein Ausdruck von Spiritualität sein kann, mit ihnen zusammen die Kirche zu putzen: „Spiritualität ist Beziehungsaufnahme zur Wirklichkeit. Und da zu meiner Wirklichkeit Gott gehört, also Beziehungsaufnahme zu Gott. Das geschieht auch beim Kirche putzen.“
In der Diözese Paderborn arbeitet Christoph jetzt als „Change-Agent“, wie er es nennt: „Die Kirche muss sich wandeln, und sie muss diesen Wandel wollen und vorantreiben – ihren eigenen nach innen und in die Gesellschaft hinein.“ So gesehen hat er einen Kreativjob: Er muss sich „dauernd neue Dinge einfallen lassen“. Das passt, denn Routine ist nichts für ihn. Zusammen mit Kollegen ist Christoph verantwortlich für die theologischen Konzeptionen der Priesterfortbildung, für Leitungskurse, Teamfähigkeits-Training und Supervision. Er lehrt als Professor am Priesterseminar, an theologischen Akademien und Fachhochschulen. Und er arbeitet im Auftrag des Personalchefs: „Der sagt dann: Pastor X. möchte eine Zusatzausbildung machen und soll die Stelle wechseln.
Er könnte eine Beratung gebrauchen. Oder: Pfarrer Y. geht es nicht gut, er wirkt ausgebrannt, gehen Sie da mal hin!“ Christoph ist als Pastoralpsychologe ein erklärter Gegner der berüchtigten ekklesiogenen Neurosen: „Die sind ein Phantom! Die gibt es gar nicht!“ Priester sind statistisch gesehen eine normal gesunde Bevölkerungsgruppe.
Sie sind mit ihrem Beruf sehr zufrieden und haben eine längere Lebenserwartung als die meisten anderen Männer in der Gesellschaft. Das spricht für Gesundheit im körperlichen und seelischen Bereich. Defizite, an denen es brennen kann, wenn der Priester die Verantwortung für die eigene Entwicklung vernachlässigt, die gibt es natürlich. Die Selbständigkeit ist so ein Knackpunkt: „Priester haben den starken Wunsch, sich abzusichern. Sowohl nach ‚oben‘ als auch nach ‚unten‘.“ Das aber sei nicht angemessen, weil der Priester eine Leitungsfunktion hat. Christoph bringt es auf eine Formel: „Je autonomer, desto teamfähiger. Wer nicht selbständig ist, kann andere nicht gelten lassen, wie sie sind. Der kann nur schwer abgeben und loslassen.“
Brennpunkt Nummer zwei ist für Christoph die Belastungsfähigkeit: „Bei all den Anforderungen, die an den Priester gestellt werden, muss auch daran gearbeitet werden, dass und wie er die Energie gewinnt, sich so engagieren zu können.“ Manager, Künstler, alle Kreativberufler brauchten ein „Belastbarkeits-Training“: Wie gehe ich mit Stress um? Wo liegt die Grenze des Erträglichen? Wie bleibe ich seelisch gesund? Viel zu leicht fühlen Priester sich überlastet, stöhnen und reklamieren ihren Mittagsschlaf, an den eine Gemeindereferentin, verheiratet, zwei Kinder, gar nicht zu denken wagt, stellt Christoph fest.
Herausfinden will er, was Gott meinte, als er zu Abraham sagte: „Geh deinen Weg vor mir und sei ganz.“ Den Lebensweg vor Gott gehen und sich gesund entwickeln, das ist für ihn Frömmigkeit. Und da gestattet er sich keine Schonung: „Wer sich durchschont, wird unglücklich.“ So gesehen hält er den Zölibat für sinnvoll: Bei solchem Lebenseinsatz wäre jede Partnerin zu Recht frustriert und praktisch alleinerziehend. Christoph hat keine Haushälterin. Er putzt selber, backt Brot, kocht – „auch Marmelade, wenn ich Lust dazu habe“.
Und er hat ein Hobby: „Bäume fällen mit schwerer Motorsäge und anschließend Holz hacken für meinen Ofen in der Küche.“ Ein Individualist ist Christoph nicht. Die priesterliche Gemeinschaft ist ihm sehr wichtig. Er gehört einer Priestergruppe seines Weihekurses an, die sich regelmäßig trifft. Beim „Kamingespräch“ erzählt jeder,wie es ihm geht. „Und alle drei Jahre machen wir gemeinsam Urlaub.“
Christoph möchte Freude haben an dem, was er tut, und der Priesterberuf bietet dafür viele Gelegenheiten. Zum Beispiel kann man sich für Menschen einsetzen und dabei „gar nicht verhindern, dass man viel mehr zurückbekommt, als man einsetzt“. Christoph nennt es die „Grunddynamik des Priesters“, sein einmaliges Leben großzügig zu investieren und dadurch nicht leerer zu werden, sondern im vollen Maße beschenkt zu werden.
Der Priester sollte sich zur größeren Ehre Gottes einsetzen, das heißt, verfügbar sein für Gott. Wirklich hingabefähig zu werden, also weder psychisch noch physisch zu knausern, das genau ist für Christoph Garantie dafür, als Priester geradezu glücklich werden zu müssen: „Ich werde so sehr von Gott beschenkt, dass ich dieses Geschenk weitergeben muss.“ Und mit einer gewissen Opfermentalität, die Priester gern entwickeln, hätte das gar nichts zu tun: „Die erfahrene Liebe Gottes weiterzuschenken ist ein positiver Lebenseinsatz. Dabei kann und dabei soll man glücklich werden.“
Wobei Christoph Glück nicht als „Schweben auf Wolke sieben“ versteht: „Zum Glück gehört auch der Umgang mit der eigenen Begrenztheit und mit dem Leid. Gott gibt uns die Erlaubnis zum Fragment.“

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